Dorothea Lange und die emotionale Kraft von Fotografien.

Es gibt nicht nur die Macht der Sprache, sondern auch die der Bilder / Gemälde oder Fotografien. So gibt es weltweit eine Vielzahl bedeutender Fotografen, über die es sich zu berichten lohnt bzw. deren Werk es verdient, es sich wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen. Ich möchte euch heute das Foto vorstellen, das der Auslöser zu meiner bis zum heutigen Tag anhaltenden Liebe zur (s/w) Fotografie war: Migrant Mother von Dorothea Lange.

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By Dorothea Lange, Farm Security Administration / Office of War Information / Office of Emergency Management / Resettlement Administration [Public domain], via Wikimedia Commons

Dorothea Lange und wie es zu meiner Begeisterung für die Fotografie kam.

Während meiner Studienzeit in Hannover besuchte ich eine Ausstellung, von der ich ehrlicherweise vorher nichts wusste. In sie trieb mich eigentlich nur ein lang anhaltender heftiger Regenschauer und der kostenlose Eintritt. Es ging um s/w Fotografien aus der Zeit der Großen Amerikanischen Depression. Mit dieser Zeit hatte ich mich während meines Geschichtsstudiums schon beschäftigt. Aber diese Periode fotografisch festgehalten und dokumentiert zu sehen, war unglaublich beeindruckend.

Das Foto und die Fotgrafin Dorothea Lange selbst.

Migrant Mother, worüber ich im heutigen Blog-Beitrag schreibe, gehört zu einer Serie von Fotografien, die Dorothea Lange (1895-1965) Anfang März 1936 angefertigt hat. Sie befand sich damals in der Nähe des kalifornischen Dorfes Nipomo unweit der Pazifikküste.

Im Gegensatz zu der rein akademischen Herangehensweise im Studium ruft Migrant Mother unmittelbar Emotionen hervor. Das Foto berührt in seiner Intensität. Der Betrachter fühlt sich ganz nahe am Geschehen. Das Bild vermittelt das Gefühl ganz dicht an den Personen zu sein. Man erkennt die Besorgnis, Mühen und Last in den Falten und gegerbten Linien des Gesichts der Mutter. Man sieht die Spuren eines harten Lebens, die Ungewissheit und die Trostlosigkeit der Situation. Das war der erste unmittelbare Eindruck, den das Foto, mehr noch als die anderen der Serie, in mir hervorrief.

Hintergründe zum Bild und zur Fotografin Dorothea Lange.

Zu der damaligen Zeit gab es noch nicht die Möglichkeit, schnell ins Internet zu gehen und kostenlos zu recherchieren, um an nähere Informationen zu gelangen. Man konnte allerdings in der dem Museum angeschlossenen Buchhandlung einen Bildband, den allerersten von jetzt vielen, erstehen. Er riss damals ein ziemliches Loch in mein Monatsbudget.

Danach wusste ich, dass Dorothea Lange als Fotografie-Ikone und als Mitbegründerin der Dokumentarfotografie gilt. Zudem, dass Migrant Mother als ein weltberühmtes Zeugnis der Großen Depression angesehen wird. Auch der Fotograf Walker Evans (1903-1975) hat sich als herausragender Chronist des ländlichen Lebens und vor allem des Daseins der Erntehelfer / Wanderbeiter in dieser Zeit erwiesen. Die Fotografen wurden beauftragt, umfassende fotografische Dokumentationen zu erstellen. Dabei sollten Würde und Ästhetik gewahrt bleiben. Jedoch sollten keine künstlerischen Fotografien angefertigt werden. Das heißt, es sollten soziale Missstände auf reale und natürliche Weise aufgezeigt werden. Dabei sollte der Fokus nicht auf das Ereignis selbst, sondern auf die sozialen Gegebenheiten gerichtet sein. Darüber hinaus sollte das Bild selbst eine Botschaft transportieren, die durchaus auch einen (gesellschafts)politischen Hintergrund beinhaltete.

Als das Foto Migrant Mother und andere der Serie erschienen, drückten diese auf eindrucksvolle und intensive Weise vor allem das Elend und die Verzweiflung der vielen Wanderarbeiter aus. Darüber hinaus druckten andere Zeitungen das Bild nach. Daraufhin veranlasste die Regierung Lebensmittellieferungen in die Region. Migrant Mother wurde zu DEM Zeitzeugnis der Großen Depression in den USA. Es gilt bis heute als ein ikonisches Werk.

Die Geschichte hinter dem Bild.

Zur Geschichte der Entstehung des Fotos gibt es unterschiedliche Darstellungen. Gesichert ist, dass Dorothea Lange auf der Heimfahrt von einer mehrwöchigen Exkursion für die Resettlement Administration / später Farm Security Administration (FSA) war. Für sie dokumentierte sie das ländliche Leben in den USA. Sie unterbrach ihre Rückfahrt, um zu dem Camp der Erbsenpflücker zurückzufahren, deren Schild sie zuvor gesehen hatte. Sie ahnte nicht, wie berühmt eines der Fotos, das sie dort machte, werden würde. Zu den Aufnahmen notierte sie: „32, seven hungry children, father is native Californian.“

Dass die Familie gerade die Reifen verkauft hätten, um Essen zu kaufen, wurde später, Ende der 60er Jahre, von der Familie bestritten. Außerdem mochte sie sich auch mit dem Bild selbst nicht anfreunden. Der Grund war, dass sie die Mutter, Florence Owens Thompson, geboren 1903 als Kind von Cherokee-Indianern, als couragierte, beherzte, fröhliche und sehr herzliche Frau kannten. Allerdings bestätigte sie, dass sie zur damaligen Zeit sehr um ihr Überleben hätten kämpfen müssen. Des Weiteren war die Familie auch davon ausgegangen, dass die Fotografin damit viel Geld verdient hätte. Das traf aber nicht zu, denn die Aufnahme gehörte der FSA.

Dorothea Lange über das Bild:

Interessanterweise wusste Dorothea Lange bis zu ihrem Tod 1965 nicht, wen sie in Kalifornien fotografiert hatte. Die Person und deren Geschichte war für sie eher uninteressant, zumindest zweitrangig. Ihr Interesse galt ihrem Bemühen, dem Elend der damaligen Zeit ein emotionales Gesicht zu geben.

Einiges über Florence Owens Thompson.

1983 erkrankte Florence Owens Thompson, die ab Ende des 2. Weltkriegs in durchaus gesicherten Verhältnissen lebte, an Krebs und starb. Sie hinterließ 10 Kinder, 39 Enkelkinder und 74 Urenkel. Auch durch die Bekanntheit von Migrant Mother gelang es, die hohen Kranken- und Betreuungskosten zu decken: Nach landesweiten Zeitungsberichten schickten Leute Geld, größere und auch kleinste Beträge und fügten hinzu, wieviel ihnen das Foto immer bedeutet und welche Kraft und Zuversicht es ihnen gegeben habe.

Einzelnachweise und Anmerkungen:

Dorothea Lange, Ein Leben für die Fotografie, Köln 1998
Dorothea Lange – The heart and mind of a photographer, Boston 2002

http://www.artberlin.de/kuenstler/dorothea-lange-migrant-mother-1936/

Eine detaillierte Besprechung des Fotos und die anderen Bilder der Serie findet ihr hier: http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2-2007/id%3D4520